Wenn das Wörtchen „und“ nicht wär…
Manuskript Max Glas

Nur drei Buchstaben ist es lang, und es ist so wichtig wie Wasser und Brot.
Doch es wird weit weniger beachtet
als der kriechende Günsel oder der
gemeine Haussperling, ja oft geradezu
übersehen wie das Sandkorn in der Wüste: jenes kleine und so unauffällige
Wörtchen „und“….
Dabei kommt keine Sprache, keine Bibel,
kein Horrorfilm, keine Wahlveranstaltung,
ja nicht einmal ein Liebesbrief ohne diese
drei Buchstaben aus.
Das Wort „und“ ist unersetzbar!
Und das, obwohl es andere Verbindungswörter gibt. Ersetzen Sie doch mal im folgenden Satz versuchshalber das „und“ durch ein
„oder“, ein „sowie“ oder ein „bzw.“ :
Romeo und Julia küssten sich inniglich!
Na, haben Sie es ausprobiert?
Was meinen Sie?
Trotzdem führt das „und“ ein unbeachtetes Leben.
Niemand kümmert sich um es.
Man verwendet es unbewusst, ohne über
dieses kostbare Gebilde nachzudenken,
ohne es zu achten und zu ehren,
ohne den drei Buchstaben ein würdiges
Denkmal zu errichten.
Andere Dreibuchstaber werden dagegen von allen geliebt, ja geradezu vergöttert:
„Sex“ zum Beispiel.
Na und? - werden Sie vielleicht denken,
das „und“ sei ja wohl weniger wichtig…
Pustekuchen! Stellen Sie sich vor,
das „und“ streikte und würde aus der Sprache einfach verschwinden:
Sie könnten Gut und Böse nicht mehr
unterscheiden, Hopfen und Malz
wären nicht mehr verloren,
„Krieg und Frieden“ wäre kein ordentlicher Roman mehr, die Banken
könnten Soll und Haben nicht mehr
unterscheiden, Yin und Yang würden
glatt auseinander fallen, Essig und Öl
ständen nicht mehr auf dem Tisch.
Kreti und Pleti wären geschiedene
Leute, Dick und Doof könnten nicht mehr
ihre herrlichen Späße miteinander treiben, Hund und Katz dürften sich nicht
mehr jagen, das Hier und Jetzt müsste
noch lange auf seine Erleuchtung warten-
und, und, und…
wahrscheinlich würde unsere ganze Welt
wie ein Kartenhaus zusammenbrechen.
Das ist aber nur die Oberfläche!
Unsere drei Buchstaben sind auch ein wesentlicher Bestandteil in vielen Wörtern, ganz unauffällig versteckt.
Im Burgunder zum Beispiel:
Nehmen Sie das „und“ heraus,
dann wär`s nur noch ein Burger - eine Schande! Die Sekunde würde zur „Seke“
verkümmern, das Wunder zum „Wer“,
pfundig zu „pfig“- schrecklich!
Stellen Sie sich nur vor, Sie könnten ab
sofort nur noch „3Pf“ Schwammerl kaufen, oder Sie müssten sagen:
„Ank ist der Welten Lohn“,
oder Sie würden Ihre Kinder schelten:
„Bonbons sind unges!!!“,
oder Sie trügen nun „Kniebhosen“-
das ist einfach „enkbar“!
Unsere Sprache würde „urchschaubar“
und „urchsichtig“…
Und Hand aufs Herz!
Wenn Sie jetzt das alles bedenken:
Auf welchen Dreibuchstaber würden Sie lieber verzichten: „Sex“ oder „und“?
Mal ehrlich….


„Conjunctio“, „Copula“
und „Additio“
Man müsste das „und“ unter Denkmalschutz stellen, denn es verschwand schon aus vielen Wortgebilden! Wer denkt heute schon darüber nach, dass das „Butterbrot“ einstmals aus „Butter und Brot“ bestand - so sagte man noch im Mittelalter tatsächlich! Ähnlich erging es auch
Wurst- und Käsebrot (mit der historischen Zwischenform: Käsenbrot).
Übrigens auch „Donner und Wetter“
waren ehemals mit den drei Buchstaben
verbunden, bis sie schließlich zum Donnerwetter verschmolzen.
Hier haben wir es mit einer echten „Conjunctio“ zu tun, sagen die Sprachwissenschaftler. Was das heißt?
Hören Sie doch mal in Carl Orffs „Carmina burana“ den schönen Song
„Si puer cum puellula“,
da gibt`s die „felix conjunctio“
- mehr sei hier nicht verraten!
Über das Wort „Copula“ wollen wir erst gar nicht nachdenken, auch wenn das
„und“ so etwas Sprachwissenschaftliches darstellt. Es wird eben etwas miteinander sehr eng verbunden.
Und eben das kann auch unser „und“.
Manchmal vollzieht es nur eine sogenannte „Additio“, eine Zusammenzählung also, beispielsweise von Zahlen, wie „dreiundzwanzig“, aber auch sprachlich wie in „er wollte und wollte seinen Brei nicht aufessen“…
Gewitzte Sprachologen haben herausgefunden, dass das „und“ die unterschiedlichsten Aufgaben zu erfüllen hat. Es verbindet nicht nur auf verschiedene Art und Weise, es kann so ganz nebenbei auch trennen, erläutern, beiordnen, etwas wiederaufnehmen, fortführen, ausschließen, berichtigen und dergleichen mehr. Um all diese Aufgaben zu erfüllen, schnappt sich das „und“ so manch anderes Wort, und zwar wie ein Rasenmäher, der die Bahn für seine Arbeit frei fegt (wer`s nicht gemerkt hat:
In diesem Satz hat sich das „und“ des Wörtchens „zwar“ bedient).
Und wenn schon: Das „und“ hat eben jede Menge Narrenfreiheit.
Und wenn man`s bedenkt, mehr als alle anderen Wörter in unserer Sprache!
So ein „Ündchen“- hier und da in einen Text eingestreut – bringt allemal Schwung in die Suppe. Das „und“ kann offenbar tun und lassen, was es will, kommen und gehen, wann und wie es will. Und sogar als „und“ -gewiefter Autor
dieser Zeilen bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob da nicht das ein und andere und oder aber auch oder zuviel und/oder zuwenig herumlungert.
Ich bitte um Nachsicht…
Trotzdem lebt das „und“ im täglichen Sprachgebrauch gefährlich.
Es kann durch schlichte Schlamperei unter Schwund leiden: Wer spricht heute noch sauber „zweiundzwanzig“ aus.
Ja! Sprechen Sie das ruhig mal laut aus und hören Sie genau hin!
Haben Sie jetzt nicht eher „zwei`nzwanzig“
gesagt? Bankangestellte haben in dieser
Hinsicht aber sicher eine präzisere Schulung. In Mundarten kann das „und“ auch ganz verloren gehen oder mutieren, im Bairischen zum Beispiel zu „a“ wie
„zwoarazwanzg“.
Trotzdem zählt das „und“ nicht zu den gefährdeten und vom Aussterben bedrohten Worten- wie etwa das heute fast niemandem mehr geläufige Wort „sintemalen“. Dazu hat sich das „und“ zu unentbehrlich gemacht!


Aus anti, enti, inti, und unti…
Dem unscheinbaren Wörtchen „und“ sind umfangreiche Forschungen gewidmet worden, und die Ergebnisse wurden bisweilen ungewöhnlich heftig und kontrovers diskutiert. Wer sich mal einen kleinen und köstlichen Schock gönnen mag, der blicke hinein in das legendäre und 33-bändige „Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm“, Band 24 (Un-Uzvogel): Sage und schreibe 24 eng bedruckte Seiten sind dem Helden dieses Textes geweiht (Seite 405 bis 429)-
dies ist kein Märchen!
Und da erfährt man zum Beispiel, dass niemand so genau weiß, wo das „und“ überhaupt herkommt. Ganz allgemein gilt es als westgermanische Conjunktio, als Grundlage diente wohl der indogermanische Wortstamm „ntha“. Erst seit dem Mittelhochdeutschen kennt man das „und“ in der heutigen Form.
Vorgänger seit dem Althochdeutschen
waren vor allem: unta, unda, unde, unte, un, unti, enti, end (niederl.: en), anti, an, and (engl. noch heute so), inti, int- also fast alle Vokale konnten da beteiligt sein!
Gar nicht mehr so unverwandt erscheint damit das lateinische „et“, von dem wir gleich noch mehr erfahren werden. Völlig anders ist dagegen das griechische Wort „kai“ (heute „ke“ ausgesprochen).
Wie sich das „und“ weiterentwickeln wird? Schwer zu sagen, aber wahrscheinlich handelt es sich hier um einen besonders langlebigen deutschen Sprachbestandteil. Er ist von anderen Sprachen kaum zu ersetzen: Der Import aus dem Amerikanischen etwa ist unwahrscheinlich und auch müßig.
Auch wenn alle anderen Worte dereinst ersetzt sein werden, das gute alte „und“ könnte noch Jahrtausende mit uns durch Dick und Dünn gehen.
Und doch: Ein merkwürdiger Zusammenhang mixte da etwas ganz und gar Neues in unsere Sprache….


Freude & Kraft
Wie auch immer: Es gibt gute Nachrichten! Denn endlich kümmert sich jemand um das verkannte und übersehene „und“: der Murnauer Maler und Typograph Walter Kraft.
Er setzte dem „und“ ein ebenso sinnreiches wie farbenprächtiges Denkmal, und zwar einem ganz speziellen „und“, nämlich dem „&“
(sprich: et).
Dieser vielen Menschen rätselhafte Krakel hat eine besondere Geschichte:
Als einziges des Lateinischen ist das „et“ zu einer Art Hieroglyphe mit einer enormen Formenvielfalt verschmolzen. Sie ist so alt wie aktuell, und sie heißt schlicht und ergreifend nichts anderes als „und“, aber auch „auch“ bzw. „sowie“.
Wir kennen das „et“ im Deutschen vor allem “etc.“, ein Kürzel für „et cetera“, was so viel heißt wie „und weiteres“ im Sinne von „usw.“
Die Nachfahren der Römer, die Italiener also, haben das „et“ übrigens noch weiter reduziert zu „e“- es war ihnen wohl viel zu lang. Doch schon den Alten schien es offenbar zu lang und zu mühsam zu
schreiben, denn aus den beiden Buchstaben „e“ und „t“ schufen sie eben jenes flotte „&“, dem man seinen Werdegang heute praktisch nicht mehr ansieht – es sei denn, man kennt die ganzen Zwischenstufen.
Bei nicht romanisch zivilisierten Germanen verursacht dieses „&“ schon beim Schreiben Darmverschlingungen im Gehirn. Ein Zeichen rechts unten anzufangen, um dann steil nach links oben aufzustreben, Hals über Kopf rechts drehend mit einem Überschlag nach links unten abzustürzen, bevor man mit einen breithintrigen Umschwung rechtzeitig vor dem harten Aufprall auf der Zeile wieder den Weg steil nach rechts oben zum Himmel sucht: Das verlangt jahrelanges Üben und strengste kalligrafische Disziplin. Akrobaten werden für solche Nummern gut bezahlt….
Dieses schreiberische Tanzabenteuer
machte natürlich den frühen Erfolg des Krakels aus: Belegt seit der Antike taucht diese Hieroglyphe auch nördlich der Alpen in frühen mittelalterlichen Handschriften auf. Walter Kraft filterte in mühevoller Kleinarbeit, annähernd 700 unterschiedlichen Schriftfamilien nicht weniger als 5000 verschiedene „&“ oder „et“ Zeichen heraus. Das ist wirklich sagenhaft! Und jedes einzelne Zeichen gibt seinen ganz eigenen Tanz des Pinsels oder der Schreibfeder wieder!
Das hat selbst den versierten Typographen Kraft überrascht, und mit Kraft und Freude machte er sich ans stand ein bezaubernder Zyklus von über 200 typographischen Kunstwerken in Acryl auf Leinwand, jedes in seiner Art ganz einmalig - doch alle zusammen ein Dokument von der Jahrtausende währenden Fantasie im Umgang mit Schrift: eine Würdigung an eine in der Öffentlichkeit nur selten wahrgenommene Kunst -
die alte Kunst der Buchstaben.
Noch einmal kurz zurück zur Neuzeit: Das „&“ kannten wir bis zur Einführung des Internets hierzulande nur als „Firmen- &“: Wenn zwei Leute, also zum Beispiel Dick und Doof eine Firma gründeten, dann annoncierten sie als „Dick & Doof“, und jeder wusste: aha - eine Firma! Und jeder spricht dieses „&“ mit „und“ aus.
Doch durchs www - Hintertürchen kam aber auch das lateinische „et“ bei uns in aller Munde - Cäsars später Sieg der Latinisierung, und dies vermittelt übers Englisch/Amerikanische der Internet - Sprache! Und jeder sagt im Hier & Heute Werk: Es ent nicht nur tausendfach sein übliches „und“, sondern - manchmal sogar ein paar mal täglich- auch das „et“, nämlich bei der Buchstabierung der Internet- Adresse.
Der „Klammeraffe“ allerdings, auch aus dem „&“ entwickelt, ist typografisch etwas missraten. Na und?