Zeichen & Wirkung:

Walter Kraft: UNDMALEREI

&. Sechs Jahre lang. Nur &. Wie kann sich ein Maler nur sechs Jahre lang einem Zeichen, drei kleinen Buchstaben, einer simplen Konjunktion verschreiben? Ist es Manie, ist es Langeweile? Beileibe nicht. Walter Kraft ist einer der letzten der Spezies Schriftenmaler, sein Herz schlägt für die Typographie. Mit Akribie hat er eine scheinbare Nebensächlichkeit im Schriftbild erforscht, das alle komplizierten Grammatik- und Sprachkonstrukte bei weitem übertrifft: In alten Vorlagen, zurückgehend bis auf das 14. Jahrhundert, hat der Murnauer Maler in 700 Schriftfamilien rund 5000 und-Zeichen entdeckt, von dem lateinischen „et“ über das Firmen-& bis hin zum @. Die Historie der weltbewegenden Verbindungen ist seinen Bildern noch anzumerken, die Fortführung in der Malerei ist dann gänzlich einzigartig.

Natürlich wäre Kraft kein Typograph, würde er nicht die Schönheit der alten Schnörkel, die aufstrebenden Linien, den Fall der Rundungen, den Kontrast zwischen Schleifen, Bögen, Auftakt und Abspann der Schrift genießen. Was er daraus macht, ist eine Betonung des musikalischen Spiels: Wenige Farben und Akzentuierungen lassen aus hübschen Zeichen abstrakte Schwünge und spannungsreiche Flächen werden. Die Klarheit und Durchdachtheit eines Mondrian, manchmal aber auch die Verschränkungen und Verzerrungen eines Picasso, vor allem aber die illusionären Spiele eines Vasarely haben Kraft inspiriert. Zum einen sind dadurch Serien handlicher Quadrate entstanden, die Kraft definiert als „fließende, Raum füllende Linien, die harmonisierend auf der Fläche sitzen“. Zum anderen sind damit aber auch Begriffspaare ins Bild gesetzt, die in kleinen Schildern auf elementare Zwillinge wie Hunger und Durst verweisen. Eine Serie widmet sich in edlem Rot und Gold solchen Koppelungen, Übersetzungen sind gleichsam die Fahnen einer weltumspannenden Begrifflichkeit.

Ganz anders die figurativen Großformate: „Himmel und Hölle“ präsentiert in der oberen Hälfte die kugeligen Engelköpfe mit langen Augen- und Wimpernbögen, mit Flügelresten, in Blau. Drunter in leuchtendem Rot und flammenden Formen die höllischen Pendants. Erst auf den zweiten Blick kann man hier die &-Verbindung entschlüsseln, die die Bildhälften verbindet. „Krieg und Frieden“ werden unterlegt von einer Taube, über der eine Atombombe die Stadtsilhouette in morbides Grau taucht. „Leben und Tod“ ist janusköpfig, „Mutter und Kind“ scheinen zu einer Person verwoben. Leuchtende, bunte Farben, neu entsprungen der amerikanischen Pop Art der 60er Jahre, dazu eine grafische Linienführung machen die Bilder zu ebenso plakativen wie spannungsreichen Umsetzungen von prägenden Begriffspaaren.

„Das Thema ist so vielseitig, ich weiß gar nicht, wann ich damit aufhöre.“ Man versteht Walter Kraft, wenn man sich in das kleine Kabinett mit den Leuchtbildern begibt. Bis zu sechs Mal hat er die &-Paare mit Leuchtfarbe übermalt, jetzt wirken sie im Schwarzlicht wie Neon. Das Experiment mit der Technik ist eben auch Krafts Metier: Dichte, farbintensive Siebdrucke kann er sogar direkt im Atelier herstellen. Dass das einst ein Schlachthaus war, merkt man beim Blick zur Decke: Die Haken fürs Vieh baumeln noch, allerdings bunt gestrichen und friedlicheren Funktionen zugeführt. Als der Münchner Maler vor einem Jahr hier einzog, wollte er nicht alle früheren Spuren tilgen. Die Vorbesitzer erstaunte er damit ziemlich. Aber die frühere Metzgerei war ja verrückte Künstler schon gewohnt: Hier bot sogar Gabriele Münter in harten Zeiten ihre Bilder gegen Wurstwaren an. Jetzt will Kraft künftig auch Kollegen einen Platz in der Schlachthaus-Galerie einräumen.

Dabei kann Kraft mit seiner eigenen Vielfalt noch einige Präsentationen bestücken: Arbeiten der 90er Jahre orientieren sich an Andy Warhol, Kraft spürte Farbverläufen nach und verlieh alten Bleistiftskizzen von Bellini zu Leuchtkraft. Dann widmete er sich vier Jahre lang Gräsern und Farnen in über zwei Meter langen Riesenformaten. Dem Dickicht verhalf er mit Blattgold zu rauschenden und überraschenden Effekten. Entdeckungsreisen sind also das Motto: Nachdem Kraft über 35 Jahre lang als kreativer Kopf in der Werbebranche tätig war, nachdem er über 50 Jahre lang der Malerei nebenbei gefrönt hat, hat er jetzt freie Bahn in einem passend eigenwilligen Flair.

Freia Oliv M.A., Kunsthistorikerin

 

 

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